WM-ABC: Flavien Coton, Ohrstöpsel und Themse
Was ist nach 13 Tagen Team-WM in London hängengeblieben? myTischtennis-Redakteurin Janina Schäbitz wagt mal wieder eine alphabetische Zusammenfassung - von A wie Ältester bis Z wie Zuschauer.

Ältester: Wang Qi von den Fiji-Inseln war der älteste Spieler dieser WM. Mit sage und schreibe 73 Jahren feierte der gebürtige Chinese, der früher in seiner Heimat als Trainer gearbeitet hat, sein WM-Debüt in London. Gegen Kanada, Kamerun und Belgien war das Ende seiner Reise in der Qualifikationsrunde allerdings schnell erreicht. Aufmerksamkeit aufgrund seines Alters erregte er trotzdem.
Begrüßungschoreographie: In den späteren K.-o.-Runden zeigten die meisten Damenmannschaften beim Einmarsch eine kleine Choreographie. Das deutsche Team bezog sich zunächst auf das Internet-Meme „Six-seven“ und schaukelte mit den Händen hin und her. Im Halbfinale bowlte Spitzenspielerin Sabine Winter dann ihre Teamkameradinnen wie Kegel um. Einer der kreativsten Einfälle in dieser nicht prämierten Konkurrenz.
China: Wieder einmal eine Klasse für sich. Bei den Damen hatte man das so auch erwartet, bei den Herren waren vorher viele Zweifel laut geworden. Die Chinesen spürten eine neue Form des Drucks, hielten dem aber mit Bravour stand. Am Ende wieder verdient in beiden Konkurrenzen Weltmeister geworden.
Damen (DTTB): Eine Medaille war das Ziel, eine Medaille ist es geworden. Die deutschen Damen begeisterten während des Turniers, räumten den unangenehmen Achtelfinalgegner Nordkorea aus dem Weg und sicherten sich gegen Hongkong Bronze. Japan war im Halbfinale dann schlicht zu stark, das schmälerte aber nicht den positiven Auftritt von Tamara Boros’ Mannschaft.
England: Ein freundlicher und stets zuvorkommender Gastgeber. Sportlich lief es mittelmäßig für die Inselbewohner. Die Herren erreichten das Achtelfinale, mussten sich hier aber Brasilien beugen.
Flavien Coton: Die Entdeckung dieser WM. Der 18-jährige Franzose erhielt bei seinem Debüt das Vertrauen von Nationaltrainer Nathanael Molin und zahlte es mit Siegen gegen Hugo Calderano, Kanak Jha oder Shunsuke Togami zurück. Als absolute Krönung durfte Coton dann auch noch im Halbfinale gegen China als Erster in die Box und hätte dabei fast Wang Chuqin dessen erste Niederlage zugefügt.
Herren (DTTB): Haben eine gute, aber keine überragende WM gespielt. Der Sieg gegen Japan in der Vorrunde machte Hoffnung auf mehr, in der K.-o.-Runde scheiterte man dann aber - nach Siegen gegen Slowenien und Hongkong - an eben diesen Japanern. Somit fuhren Jörg Roßkopfs Spieler wie schon nach Busan ohne Medaille nach Hause.
Intensität: Teamweltmeisterschaften haben häufig eine höhere Intensität als Individualturniere. In London brauchte der Wettbewerb etwas, bis er an Fahrt aufnahm, das Halbfinale zwischen China und Frankreich aber zum Beispiel hätte intensiver kaum sein können. Beide Teams ließen spielerisch und emotional alles am Tisch, was sie haben, was man bei den sonst eher reservierten chinesischen Spielern und Trainern selten sieht. Einfach mitreißend!
Japan: Die Japaner sind sowohl bei den Damen als auch bei den Herren nach London gereist, um Weltmeister zu werden. In beiden Konkurrenzen erreichten sie das Finale - was bei den Damen erwartet worden war, bei den Herren aber nicht selbstverständlich ist. Zu Gold reichte es aber beide Male nicht. Die Revanche ist allerdings gleich schon eingeplant: Die nächste Team-WM im Jahr 2028 findet in Japan statt. Vielleicht also ein noch besserer Rahmen für die Weltmeisterfeier.
Kristian Karlsson: Bitterer Moment im Spiel gegen Ungarn: Kristian Karlsson verletzt sich während der letzten Ballwechsel seines Einzels und muss die WM damit für sich als beendet erklären. Zwar hat Schweden mit Elias Ranefur einen würdigen Ersatzmann, der überraschend etwa auch Lin Shidong geschlagen hat. Zur Medaille reichte es für das angeschlagene schwedische Team, das mit dem an der Schulter lädierten Truls Moregard auch an der Spitze gehandicapt war, aber nicht.
Liang Jingkun: Das vermeintlich schwächste Glied in der Kette des chinesischen Teams, am Ende aber der absolute Comeback-King. Vor seiner Leistung in London kann man nur den Hut ziehen. Nach seinen Niederlagen gegen Oh Junsung und Truls Moregard in der Vorrunde und gegen Eduard Ionescu im Achtelfinale behielt ihn Nationaltrainer Wang Hao in der Aufstellung - und bewies damit den richtigen Riecher. Sowohl gegen Alexis Lebrun als auch gegen Tomokazu Harimoto drehte er seine aussichtslos erscheinenden Einzel noch nach 0:2-Rückstand. Die Freude nach den verwandelten Matchbällen sprach Bände.
Mediensitze: Als noch vier Tische in der OVO Arena Wembley standen, hatten die Journalisten einen guten Blick. Als man auf nur einen Tisch umbaute, wählte man ausgerechnet den am weitesten entfernten und packte noch eine Zuschauertribüne in den Innenraum. Wenn die bis zur letzten Reihe gefüllt war, was an den letzten Tagen der Fall war, sah man leider nur noch Köpfe. Nicht so gut durchdacht.
Nachhaltigkeit: War ein großes Thema dieser WM. Das äußerte sich zum Beispiel im Fehlen der Plastikflaschen, die es sonst bei solch einer Veranstaltung in Hülle und Fülle gibt. Stattdessen bekam jeder Spieler eine Trinkflasche, die er an den zahlreichen Trinkwasserstationen auffüllen konnte. Diese Option gab es übrigens auch für die Zuschauer. Das hat man bezüglich der produzierten Müllmengen sicherlich nachher gemerkt.
Ohrstöpsel: Waren am Finalwochenende dringend nötig. Die Fans - vor allem die chinesischen - sorgten mit ihren Anfeuerungsrufen für Dezibelwerte, die langfristig sicherlich nicht förderlich für die Gehörgänge sind. Abgesehen davon: Die Stimmung an diesen Tagen war auf jeden Fall fantastisch.
Popcorn: Kinoatmosphäre beim Tischtennis. Wer wollte, konnte sich für den einen oder anderen Krimi in der Box das passende Knabberzeug kaufen. Ansonsten gab’s klassisch Burger und Co. - nur Fish and Chips fehlten leider.
Qualifikation: Bevor die gesetzten Teams die OVO Wembley Arena betraten, spielten die 56 anderen Mannschaften zuerst noch die letzten Hauptrundenplätze in der Copper Box Arena aus. So manche Nation war dann bloß doch nicht nach London gereist, so dass es einige Walk-overs gab. Insgesamt bleibt die Frage, ob man an diesem Modus festhält, weil die Leistungsunterschiede doch teilweise ziemlich groß waren und sich Überraschungen in Grenzen hielten.
Rumänien: Viele Anläufe haben die rumänischen Damen unternommen, jetzt hat es endlich geklappt. Bernadette Szöcs und Co. konnten in London endlich ihre Team-WM-Medaille in Empfang nehmen. Dabei profitierten sie von der Vorrunde 1A, in der die besten Teams ihre Setzung ausspielten, aber nicht alle Mannschaften stets in Bestbesetzung spielten. So ging Rumänien als Gruppenzweiter aus der Vorrunde hervor und traf bis zum Halbfinale nicht mehr auf asiatische Teams, was ihnen die Sache sicher erleichterte.
Südkorea: Südkoreas Herren sorgten für die größte Schlagzeile der Vorrunde. Nach 26 Jahren brachten sie China die erste WM-Niederlage bei. Am Ende war der Triumph allerdings nicht viel wert: China wurde trotzdem Weltmeister, Südkorea gewann keine Medaille.
Themse: Bei der EM in Zadar hatten die deutschen Damen ihren Titelgewinn mit einem Bad im Mittelmeer gefeiert. Klar, dass auch eine WM-Medaille mit dem Sprung ins Wasser zelebriert werden sollte - falls es nicht gesundheitsgefährdend ist, schob Annett Kaufmann in unserem WM-Countdown ein. Am Ende siegte die Vernunft und man ging doch einfach nur lecker was essen.
Unterbringung: Die Spieler brauchten diesmal wirklich nur zehn Schritte zu gehen, dann hatten sie die Entfernung zwischen dem Hilton-Hotel und der OVO Wembley Arena zurückgelegt. Gut auch für die Journalisten, weil so bei späten Spielen die Interviews nicht durch den letzten Bus, der noch erreicht werden muss, eingeschränkt wurden.
Vorrunde: Schon vor WM-Beginn schlug die Vorrunde 1A, in der die sieben besten Mannschaften und Gastgeber England ihre Setzung ausspielen sollten, hohe Wellen. Der DTTB kritisierte den neuen Modus sogar öffentlich gegenüber der ITTF. Im Nachhinein kann man sagen: Die Vorrunde hat tatsächlich großen Einfluss auf die spätere Auslosung genommen, Beispiel Chinas Herren, die diesmal nicht am oberen Ende des Turnierbaums auftauchten. Insgesamt hörte man aus den Reihen der Spieler wenig Positives dazu. Fraglich, ob wir diesen Modus noch mal wiedersehen.
Wembley: Tolle Kulisse für eine WM - im Schatten des legendären Wembley-Stadions wurden diesmal die Weltmeister gefunden. Das brachte unter anderem mit sich, dass drum herum sehr viele gastronomische Angebote gemacht wurden. Die OVO Wembley Arena selbst hatte eher intimen Charakter, was später zum Hexenkesselgefühl beitrug.
Xu Xin: Hatte die chinesische Mannschaft - genau wie Ma Long - schon während ihres geschlossenen Trainings vorab unterstützt und feuerte sie in London von den VIP-Sitzen direkt neben der Box aus an.
Yingsha Sun: Hat sich wie auch Wang Chuqin keinen Patzer erlaubt und ging mit einer 9:0-Bilanz aus dem Wettbewerb. Nicht umsonst sind die beiden die besten Spieler der Welt, auf die auch im Team immer Verlass ist.
Zuschauer: An den letzten beiden Tagen war die OVO Wembley Arena ausverkauft, davor zogen vor allem die Spiele der chinesischen Mannschaften ihre Fans an. Bei vielen Matches der anderen Nationen mochte dann jedoch nicht so recht Stimmung aufkommen.
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