Timos Blog: Eine Frage des Taktgefühls

    Für einen Systemwechsel ist keine Zeit besser als die Sommerpause. Aber wie trainiert man eigentlich, um schnell besser zu werden? Was der richtige Rhythmus damit zu tun hat, erzählt Volontär Timo Gotsch in seinem Blog.

    Joo Se-hyuk war einer der besten Abwehrspieler der Welt. Als ich frisch auf Abwehr umgestellt hatte, schaute ich mir viele Videos von dem südkoreanischen Defensivkünstler an. (© ITTF/Simon Fabig)

    Als ich vor rund zwei Jahren auf Abwehr umstellte, hatte ich ehrlich gesagt keine Ahnung, was das genau bedeuten sollte. In meiner Vorstellung würde ich einfach anfangen, Abwehr zu spielen. Wie sich diese Änderung wirklich auf mein Spielsystem auswirken sollte, das wurde mir erst bei meinen äußerst wackligen ersten Gehversuchen bewusst.

    Dass ich nicht über Nacht von einem klassischen Angriffsspieler (aggressive Vorhand, Rückhand „auch dabei“) zu einem Abwehrspezialisten werden würde, war mir klar gewesen. Geboren war die Idee vor allem deshalb, um meine Lücken auf der Rückhandseite elegant zu schließen, und häufiger zu meinem Lieblingsschlag, dem Gegentopspin aus der Vorhand, zu kommen.

    In der Sommerpause bekam ich genug Zeit, um überhaupt erst einmal sicherer zu werden. Die Frage war nur: Wie trainiert man, um möglichst schnell besser zu werden?

    Ohne Fundament lässt sich nichts bauen

    Am Anfang machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, wie genau ich spielen wollte. Ich klebte mir einfach irgendeine Noppe (einen chinesischen Angriffsbelag mit eher kürzeren Noppen) auf die Rückhand und legte mit dem Training los, vier- bis fünfmal die Woche.

    Die ersten Trainingswochen sahen so aus: Abwehrbälle spielen, zuerst auf Topspins nur in meine Rückhandseite, denn ich trainierte zu Beginn nur meine Rückhand-Abwehr. Später kamen verschiedene Platzierungen auf dem Tisch dazu, außerdem verschiedene Schnittvariationen im Topspin, den ich abwehren musste. Nach außen hin muss es langweilig gewirkt haben, denn sonst variierten sich meine Trainingseinheiten kaum. Ein bis zwei Stunden am Tag, schön im Takt, Ball um Ball.

    Fast die ganze Sommerpause über trainierte ich, ohne wirklich Wettkampfpraxis zu sammeln. Nach außen hin natürlich, um erst einmal überhaupt sicher zu werden in den Abwehrschlägen. Insgeheim aber auch, weil ich mich nicht bereit fühlte.

    Von den Besten lernen

    Gerade zu Beginn ist es wichtig, viel Spielpraxis aufzubauen. Turniere oder Wettkämpfe zu spielen – gekoppelt an viel Systemtraining – wäre dazu eine exzellente Möglichkeit gewesen. Also spielte ich nach gerade mal einem Monat Abwehrtraining mein erstes Turnier.

    Mit der Erwartungshaltung, sowieso nichts gegen meine im TTR höher eingestuften Gegner holen zu können, startete ich in die Gruppenphase. Es war eine kurze Angelegenheit, nach den drei Spielen war Schluss.

    Meine Abwehrbälle kamen bereits durchaus konstant zurück auf den Tisch, allerdings leicht durchschaubar. Üblicherweise werden Abwehrspieler sicherer und besser, je länger das Spiel voranschreitet. Bei den Videos auf YouTube, die ich mir vorher immer und immer wieder angesehen hatte, beeindruckte mich genau das – wie die Profis Joo Se-hyuk oder Yuto Muramatsu so sicher wurden, dass sie fehlerfrei Abwehr spielten.

    Im Takt bleiben

    Fehlerfrei war ich bestimmt nicht. Meine Gegner beim Turnier hatten gegen mich gewonnen, weil sie meinen Rhythmus brachen, bevor ich überhaupt einen finden konnte. Überhaupt in die Abwehr zu kommen, war schwer – der erste Ball musste gut gespielt werden, sonst bekam ich ihn um die Ohren geschossen.

    Ich wusste zwar, dass ich erst einen Monat richtig trainiert hatte, fragte mich aber dennoch: Was bringt das Basistraining, wenn man es im Spiel kaum umgesetzt bekommt? Im Training fühlte ich mich sicher, auch auf verschiedene Bälle. Mir gelangen die Abwehrbälle auch verhältnismäßig ohne hohen Absprung zurück auf den Tisch. Im Spiel war das anders. Vor allem die richtige Distanz zum Tisch aufzubauen, fiel mir schwer.

    Den Rhythmus, den ich im Training einigermaßen beherrschte, den fand ich nicht im Match. Auch die besten Abwehrspieler – so hatte ich es in den Videos gesehen – steigerten sich oft erst im Laufe einer Partie und wurden immer sicherer. Diese Sicherheit so schnell wie möglich zu erlangen, das ist die Königsdisziplin eines Abwehrspielers.

    Erst aufbauen, dann brechen

    In einem sehenswerten Gespräch mit dem ehemaligen TTBL-Spieler Andreas Levenko sagte die österreichische Legende Werner Schlager, dass er anfangs als Kind viel mit Musik trainierte. Heute wisse er, dass mit Rhythmus zu trainieren eigentlich schlecht sei – denn man will ja den Rhythmus des Gegners brechen. Schlager muss es wissen, im Jahr 2003 wurde er der letzte nicht-chinesische Weltmeister, als er im Finale (ausgerechnet) Joo Se-hyuk bezwang.

    Auch bei meinem ersten Turnier hatten mich meine Gegner bezwungen, indem sie mich nicht in meinen Rhythmus hatten finden lassen. Im Gegenzug merkte ich, dass ich am ehesten meine Chancen bekam, wenn ich meinen eigenen Rhythmus verließ und meinen Gegnern das Spiel erschwerte – etwa von der sicheren Abwehr zu einem Treibschlag wechselte. Bereits im Laufe des Turniers gelang mir das immer besser.

    Ich denke, beides stimmt. Den Rhythmus des Gegners zu brechen ist der Schlüssel zum Erfolg. Aber um den Gegner aus dem Takt zu bringen oder den eigenen Rhythmus kontrolliert zu verlassen, dazu muss man erst einmal rhythmisch spielen können. Nur dann weiß man, was man tut. Alles andere ist Glücksspiel.

    Dem Prozess vertrauen

    Nach der Turnierpleite kehrte ich an den Tisch zurück und arbeitete umso härter, spielte umso mehr dieselben Trainingsbälle, um meinen Rhythmus als Abwehrspieler zu finden. Gerade zu Beginn einer Systemumstellung ist eine gute Basis und systematisches Balleimertraining so wichtig.

    Klar, Aufschläge und Wettkämpfe trainieren – das ist auch ein wichtiges Element des Spielsystems. Aber um im Spiel Lösungen entwickeln und die eigenen Stärken einsetzen zu können, dafür reicht es nicht, im Training nur ein Match nach dem anderen abzuspulen. Alles beginnt und endet mit einer guten Basisarbeit. Also nutzte ich die Sommerpause weiterhin. Ein bis zwei Stunden am Tag, schön im Takt, Ball um Ball.

    Nach wie vor habe ich einen weiten Weg vor mir. Habt ihr mal euer System umgestellt oder fällt es euch auch schwer, eure Fortschritte aus dem Systemtraining im Spiel umzusetzen? Berichtet in den Kommentaren gern von euren Erfahrungen!

    4 Kommentare

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