Blog: Bühne frei für die deutschen Damen

    Lange Zeit standen die DTTB-Herren im Fokus, wenn es Tischtennis mal in die breite Öffentlichkeit schaffte. myTischtennis.de-Redakteurin Janina Schäbitz beschreibt in ihrem Blog eine Trendwende und mögliche Folgen.

    Sabine Winter (l.) und Annett Kaufmann tauchen auch in der breiten Presse auf (©ITTF)

    Tischtennis ist ein Männersport. Das habe ich vor meiner Zeit als Redakteurin bei myTischtennis.de zwar nie explizit so wahrgenommen, die Zahlen, mit denen ich schon vor 14 Jahren auf der Arbeit konfrontiert wurde, sprachen aber Bände. Laut DTTB-Statistik sind nur knapp ein Viertel der Tischtennisspieler in Deutschland weiblich, unter myTischtennis.de-Usern ist die Geschlechterverteilung mit 91 zu 9 Prozent sogar noch deutlicher. Daraus resultieren in vielen Vereinen und Ligen Schwierigkeiten, Frauenmannschaften aufzubauen oder für den Spielbetrieb zu gewinnen.

    Boll und Ovtcharov als Zugpferde

    Legt man diese Zahlen zugrunde, überrascht es nicht, dass Deutschlands Herren auch an der Spitze des Sports lange Zeit die Hauptrolle spielten. Mit Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov hatte man zuletzt lange Zeit zwei Zugpferde, die in der Weltspitze mithalten konnten und durch ihre Erfolge auch in der allgemeinen Sportgemeinde Beachtung fanden. Deutschland war Chinas ärgster Herausforderer, auf dieses Final-Duell liefen die meisten Team-Weltmeisterschaften der 2000er-Jahre am Ende hinaus. Und die sportartübergreifenden Medien, über deren Aufmerksamkeit man sich in unserer Disziplin ja ohnehin nicht all zu oft freuen darf, honorierten dies mit Artikeln und Beiträgen. Die Damen hingegen fanden häufig nur in einem Nebensatz Beachtung - wenn überhaupt. Doch nun scheint sich das Blatt diesbezüglich zu wenden.

    Das hat mehrere Gründe. Mit Timo Boll ist die strahlende Galionsfigur der Sportart in den Ruhestand gegangen. Dimitrij Ovtcharov ist zwar noch in den Top 30 der Welt, kann aber aktuell nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen und musste Spieler wie Patrick Franziska, Dang Qiu und Benedikt Duda zuletzt an sich vorbeiziehen lassen. Dieses Trio, das sich konsequent in den Top 20 - mit Stippvisiten in den Top 10 - hält und international immer wieder für tolle Ergebnisse sorgt, konnte in der allgemeinen Öffentlichkeit aber noch nicht den Status erlangen, den Boll oder Ovtcharov haben.

    DTTB-Damen liefern Außergewöhnliches

    Den haben die deutschen Damen zwar auch noch nicht, allerdings schafften sie es zuletzt immer wieder in die Schlagzeilen der breiten Presse. Man denke an Annett Kaufmann, die bereits im Jahr 2021 bei der Sporler-des-Jahres-Gala sportartübergreifend zur „Newcomerin des Jahres“ gewählt wurde. Den endgültigen Durchbruch in Sachen Bekanntheit erlangte sie dann durch ihre Performance bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris, als sie ursprünglich als Ersatzspielerin vorgesehen war, aufgrund von Ying Hans Achillessehnen-Unfall in die A-Mannschaft rückte und nach Nina Mittelhams Verletzung vor Ort zur großen Stütze ihres Teams wurde.

    Nach ihrem Sieg gegen Miwa Harimoto sprachen mich sehr viele Menschen, die sonst nichts mit Tischtennis zu tun haben, auf sie an, was ich so wirklich selten erlebt habe. Als Kaufmann dann kurz darauf auch noch den U19-Titel bei der Jugend-WM gewann, betrat sie im „Aktuellen Sportstudio“ medial die große Bühne. Konnten mir vor zehn Jahren Menschen aus meinem Bekanntenkreis ohne Tischtennis-Background keinen Namen einer deutschen Nationalspielerin nennen, ist das heute zumindest bei den Sportinteressierten anders. Annett Kaufmann ist vielen ein Begriff.

    Mehr Mädchen für Tischtennis motiviert?

    Und nun ist die nächste deutsche Tischtennisspielerin in den Schlagzeilen gelandet - mit einer ebenfalls herausragenden Geschichte, an denen die Sportredaktionen nicht vorbeigehen. Sabine Winter steigt mit 32 Jahren auf einen Antispinbelag auf der Rückhand um, verbessert sich Stück für Stück und gewinnt vorletzte Woche - als vorläufiges Highlight dieser Entwicklung - Bronze beim World Cup, was ihr erstmals einen Top-10-Platz in der Weltrangliste einbringt. Dank dieser außergewöhnlichen Geschichten verlassen die deutschen Damen den Schatten, den ihre männlichen Kollegen über Jahre geworfen haben, und beanspruchen ihren eigenen Platz im Rampenlicht.

    Ihnen selbst wird diese Aufmerksamkeit gegebenenfalls nicht allzu wichtig sein, für die deutschen Mädchen, die auf den Schulhöfen mit Tischtennisschlägern hantieren, ist es aber vielleicht eine entscheidende Motivation, auch mal im städtischen Verein vorbeizuschauen. Wer weiß? Vielleicht kann die Präsenz unserer Nationalspielerinnen in der Öffentlichkeit ein wenig dazu beitragen, dass das Geschlechterverhältnis im Tischtennis künftig nicht mehr ganz so eklatant in Richtung Männer ausschlägt. Wünschenswert wäre es allemal…

    7 Kommentare

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