"Es kann passieren, dass wir chancenlos 0:3 verlieren"
Sind Zhang Jike & Co zu schlagen? (@Roscher)
Grandiose Form hin, Heimpublikum her: Favorit auf den Finalsieg werden nicht die Deutschen sein, sondern – wie immer und überall, wo sie antreten: die Chinesen. „Die Chinesen sind die besten Spieler der Welt“, sagt Deutschlands im bisherigen Turnier überragende Nummer zwei Dimitrij Ovtcharov. „Es kann passieren, dass wir chancenlos 0:3 verlieren, ganz klar.“ Understatement ist das keineswegs, sondern eine realistische Einschätzung eines unrealistischen Meisterstücks. „Wir müssen über uns hinauswachsen“, sagt Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf.
Und doch merkt man dem deutschen Team und der Stimmung in der Westfalenhalle an, dass die DTTB-Herren offensiv mit dem Gedanken umgehen, ihren überragenden Rivalen aus China besiegen zu können. „Viele Mannschaften glauben nicht daran, China überhaupt schlagen zu können. Wir schon“, sagt Ovtcharov vor dem Finale. Und wirklich: Selten waren die Voraussetzungen günstiger. Timo Boll scheint in Dortmund nicht nur gesund, sondern auch stabil und spielstark. Ovtcharov, der von sich selbst behauptet, seit dem vergangenen Sommer auf einem konstant hohen Niveau zu agieren, räumte in Dortmund mit bisher überragenden Leistungen jeden gegnerischen Topspieler aus dem Weg. Und mit Patrick Baum und Bastian Steger haben die Deutschen zwei weitere Akteure fest unter den Top 25 der Weltrangliste untergebracht. Dort, wo auch der lange am Knie verletzte Christian Süß lange seinen festen Platz hatte. Alle fünf präsentierten sich in Dortmund gut, wenn ihre guten Leistungen gefragt waren: In sechs Begegnungen verlor Deutschland nur ein einziges Spiel – die Partie von Baum gegen Seiya Kishikawa im Halbfinale. Dazu kommen 11000 Zuschauer, die die Deutschen für sich einnehmen möchten, wie es die Spieler immer wieder betonen. Es scheint ihnen zu gelingen. „Das Publikum hat uns nach vorne gepeitscht. Das hat riesigen Spaß gemacht“, sagte Patrick Baum nach der Vorschlussrunde, Ovtcharov verriet, dass er beim Einmarsch Gänsehaut habe. „Man spürt das Publikum“, sagt er. Zusammenfassen kann man all das auf eine einzige Formel: Wenn es mit einem Sieg über die Chinesen klappen kann, dann klappt es in Dortmund.
Der Blick auf den Kontrahenten zeigt wenig Überraschendes. „Die Chinesen machen einen guten Eindruck, sind wieder einmal top vorbereitet. Aber das ist nichts Neues. Das sind sie immer“, sagt Ovtcharov. Angesprochen auf die Ausnahmespieler aus dem Reich der Mitte fällt bei Cheftrainer Roßkopf immer wieder ein Wort: Power. Die Chinesen haben sie – die Athletik, die Schlaghärte, den Druck im eigenen Spiel. Dass sich die Deutschen diesmal – anders vielleicht gegen einen anderen Gegner – kaum in einen Aufstellungspoker begeben können, stört Roßkopf dagegen nicht: „Alle Chinesen sind gegen alle unsere Spieler Favorit. Da müssen wir nicht groß taktieren“, so Roßkopf nüchtern. Ovtcharov schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er sagt: „Wir nehmen, was kommt. Das sind alles Ausnahmespieler. Jeder für sich ist der Beste.“ Vor einem Akteur der Kontrahenten scheint der Respekt allerdings noch einmal einen Tick größer zu sein: vor dem seit Monaten überragenden Ma Long. „Er ist der aktuell beste Spieler der Welt. Es ist unglaublich, was er leistet“, sagt Ovtcharov über die Nummer eins der Weltrangliste, den er selbst noch nie bezwingen konnte und der in der jüngsten Vergangenheit nahezu jedes Topturnier für sich entschied, nachdem er im vergangenen Mai im WM-Halbfinale von Rotterdam an seinem Teamkameraden Wang Hao gescheitert war.
„Wenn wir eine Chance bekommen, dann werden wir alles versuchen, um sie zu nutzen“, sagt Ovtcharov. Das Ziel ist schließlich das größtmögliche.
Der WDR überträgt das Spiel live ab 13:30 Uhr.

